1863 Tettenweis – 1928 München
„Portrait der Tochter Mary“
54,5 x 49,5 cm
Kohle, Kreide, Deckfarbe auf Pappe
Faces, Fine Art
Galerie Paffrath
19.800 €
Eine besondere Rolle im Œuvre Franz von Stucks spielen die Porträts seiner Familie, insbesondere seiner Ehefrau Mary Lindpaintner und seiner einzigen leiblichen Tochter Maria Franziska, genannt Mary. Diese Bildnisse ziehen sich wie ein Leitmotiv durch sein Schaffen der Jahre 1905 bis etwa 1920 und markieren einen Bereich, in dem sich öffentliche Repräsentation und private Intimität überlagern. Die Tochter Mary wurde immer wieder in verschiedenen Rollen und Kostümen dargestellt – als kleine Königin, als Torero, als Griechin –, was auf eine spielerisch-theatrale Inszenierung hindeutet. Ein besonders bekannter Typus ist das „Porträt der Tochter Mary mit grünen Schleifen“, das um 1910 bis 1913 entstand. Diese Darstellung zeigt eine junge Frau mit dunkelbraunem, zu seitlichen Locken hochgestecktem Haar, geschmückt mit leuchtend grünen Schleifen. Die Technik ist zart, häufig auf warmem Papier ausgeführt, in Öl auf Leinwand oder als Zeichnung. Die grünen Schleifen sind ein wiederkehrendes ikonografisches Motiv, das die Jugendlichkeit und Eleganz der Dargestellten betont. Solche Porträts stehen in auffälliger Nähe zu den repräsentativen Bildnissen von Lenbach, unterscheiden sich aber durch eine intimere, weniger pompöse Bildsprache. Kunsthistorisch sind diese Mary-Porträts von Bedeutung, weil sie dokumentieren, wie Stuck sein mythologisches und allegorisches Repertoire mit realen Personen verband. Die Tochter wird nicht als anonyme Muse dargestellt, sondern als Individuum mit erkennbaren Zügen und Persönlichkeit. Zugleich bleibt die Darstellung stilisiert, was auf den Einfluss des Jugendstils verweist. Die serielle Darstellung – es existieren mehrere Versionen des Mary-Porträts mit grünen Schleifen – deutet darauf hin, dass Stuck diese Bildnisse auch für den Kunstmarkt konzipierte. Sie zirkulierten in Sammlerkreisen und sind heute in verschiedenen Sammlungen und im internationalen Kunsthandel präsent. Die Vater-Tochter-Beziehung, wie sie in diesen Werken sichtbar wird, ist geprägt von Zuneigung und ästhetischer Stilisierung. Mary Stuck diente nicht nur als Modell, sondern wurde aktiv in die künstlerische Praxis ihres Vaters einbezogen. Diese Doppelrolle – als reale Person und als ästhetisches Objekt – wirft Fragen nach Identität, Repräsentation und familiären Machtstrukturen auf, die in der kunsthistorischen Forschung zunehmend diskutiert werden.


